Warum dein Körper schweigt, bis er schreit
10.10.2025
7 mins



OURDAY TEAM | 4 Min. Lesezeit | Burnout
Es ist ein Dienstagmorgen. Du hast gut geschlafen, der Kalender ist voll — aber irgendwie stimmt etwas nicht. Die Aufgaben, die früher Freude gemacht haben, fühlen sich leer an. Du denkst: "Ich muss mich einfach mehr zusammenreissen." Das ist der Moment, in dem die meisten High Performer den entscheidenden Fehler machen — sie ignorieren, was ihr Körper ihnen seit Wochen zu sagen versucht.
Burnout trifft nicht die Schwachen. Es trifft meistens genau die, die am meisten investieren.
Warum High Performer besonders gefährdet sind
Wer hohe Standards hat, erkennt nachlassende Leistung früh — und kompensiert sie mit mehr Aufwand statt mit mehr Erholung. Das Nervensystem läuft auf Hochtouren, der Körper liefert weiterhin, und das Gehirn interpretiert die Erschöpfung als Schwäche statt als Signal. In vielen Arbeitsumgebungen verstärkt die Kultur das Problem: Dauerverfügbarkeit gilt als Kompetenz. Die Biologie sieht das anders.
Die drei Phasen — und warum du Phase zwei nicht merkst
Burnout entsteht nicht über Nacht. Der Endokrinologe Hans Selye beschrieb bereits 1936 das Allgemeine Anpassungssyndrom — bis heute die wissenschaftliche Grundlage für chronischen Stress.⁵
In Phase eins mobilisiert der Körper alle Ressourcen. Cortisol und Adrenalin steigen, die Leistung nimmt kurzfristig sogar zu. Viele High Performer kennen diesen Zustand — und verwechseln ihn mit Stärke.
Phase zwei ist die gefährlichste: Der Körper hat sich an den erhöhten Stresspegel adaptiert. Die Leistung hält sich äusserlich stabil, aber der physiologische Preis steigt still. Schlafqualität sinkt, Entzündungsmarker steigen, Regenerationsfähigkeit nimmt ab. In dieser Phase befinden sich die meisten Burnout-Gefährdeten — oft jahrelang, ohne es zu wissen.
Phase drei ist der Kollaps. Das Stressregulationssystem bricht zusammen. Chronische Erschöpfung, emotionale Taubheit, kognitive Beeinträchtigung — was umgangssprachlich Burnout heisst, ist physiologisch eine erschöpfte HPA-Achse.¹
Was im Gehirn passiert
Chronisch erhöhtes Cortisol hinterlässt strukturelle Spuren. Studien zeigen messbaren Volumenverlust im Hippocampus — der Region für Gedächtnis und emotionale Regulation.² Gleichzeitig erschöpft Dauerstress die Dopamin- und Serotoninreserven.³ Wer sich fragt, warum Dinge, die früher Freude gemacht haben, sich plötzlich leer anfühlen: Das ist keine existenzielle Krise. Das ist Neurochemie.
Die Frühwarnsignale
Das Tückische: Die ersten Signale klingen positiv. Erhöhte Produktivität, das Gefühl unersetzlich zu sein — das ist Phase eins, die sich wie Hochleistung anfühlt. Erst später kommen die Zeichen, die wir kennen, aber rationalisieren.
Schlafprobleme trotz Erschöpfung sind eines der verlässlichsten Frühzeichen — der Körper zu müde zum Leisten, aber zu aufgedreht zum Schlafen. Emotionale Distanzierung folgt: Gleichgültigkeit gegenüber Aufgaben, die früher Bedeutung hatten. Dazu wiederkehrende Infekte und körperliche Symptome ohne klare Ursache — das Immunsystem unter Dauerbelastung.⁴
Was das bedeutet
Erholung ist keine Belohnung für geleistete Arbeit. Sie ist eine biologische Voraussetzung für anhaltende Leistungsfähigkeit. Schlaf ist nicht verhandelbar. Magnesium, B-Vitamine und entzündungshemmende Nährstoffe unterstützen das Nervensystem aktiv — der Unterschied zwischen einem System, das sich erholt, und einem, das weiter abbaut.
Der wichtigste Schritt ist ein kognitiver: zu verstehen, dass Höchstleistung keine Frage von Willenskraft ist, sondern von Physiologie. Wer sein System kennt und respektiert, leistet länger — und besser.
Quellen
¹ Fries, E. et al. (2005). A new view on hypocortisolism. Psychoneuroendocrinology, 30(10). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16005168/
² Lupien, S.J. et al. (2009). Effects of stress throughout the lifespan on the brain. Nature Reviews Neuroscience, 10:434-445. https://www.nature.com/articles/nrn2639
³ Russo, S.J. & Nestler, E.J. (2013). The brain reward circuitry in mood disorders. Nature Reviews Neuroscience, 14:609-625. https://www.nature.com/articles/nrn3381
⁴ Segerstrom, S.C. & Miller, G.E. (2004). Psychological Stress and the Human Immune System. Psychological Bulletin, 130(4). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15250815/
⁵ Selye, H. (1936). A syndrome produced by diverse nocuous agents. Nature, 138:32. https://www.nature.com/articles/138032a0
OURDAY TEAM | 4 Min. Lesezeit | Burnout
Es ist ein Dienstagmorgen. Du hast gut geschlafen, der Kalender ist voll — aber irgendwie stimmt etwas nicht. Die Aufgaben, die früher Freude gemacht haben, fühlen sich leer an. Du denkst: "Ich muss mich einfach mehr zusammenreissen." Das ist der Moment, in dem die meisten High Performer den entscheidenden Fehler machen — sie ignorieren, was ihr Körper ihnen seit Wochen zu sagen versucht.
Burnout trifft nicht die Schwachen. Es trifft meistens genau die, die am meisten investieren.
Warum High Performer besonders gefährdet sind
Wer hohe Standards hat, erkennt nachlassende Leistung früh — und kompensiert sie mit mehr Aufwand statt mit mehr Erholung. Das Nervensystem läuft auf Hochtouren, der Körper liefert weiterhin, und das Gehirn interpretiert die Erschöpfung als Schwäche statt als Signal. In vielen Arbeitsumgebungen verstärkt die Kultur das Problem: Dauerverfügbarkeit gilt als Kompetenz. Die Biologie sieht das anders.
Die drei Phasen — und warum du Phase zwei nicht merkst
Burnout entsteht nicht über Nacht. Der Endokrinologe Hans Selye beschrieb bereits 1936 das Allgemeine Anpassungssyndrom — bis heute die wissenschaftliche Grundlage für chronischen Stress.⁵
In Phase eins mobilisiert der Körper alle Ressourcen. Cortisol und Adrenalin steigen, die Leistung nimmt kurzfristig sogar zu. Viele High Performer kennen diesen Zustand — und verwechseln ihn mit Stärke.
Phase zwei ist die gefährlichste: Der Körper hat sich an den erhöhten Stresspegel adaptiert. Die Leistung hält sich äusserlich stabil, aber der physiologische Preis steigt still. Schlafqualität sinkt, Entzündungsmarker steigen, Regenerationsfähigkeit nimmt ab. In dieser Phase befinden sich die meisten Burnout-Gefährdeten — oft jahrelang, ohne es zu wissen.
Phase drei ist der Kollaps. Das Stressregulationssystem bricht zusammen. Chronische Erschöpfung, emotionale Taubheit, kognitive Beeinträchtigung — was umgangssprachlich Burnout heisst, ist physiologisch eine erschöpfte HPA-Achse.¹
Was im Gehirn passiert
Chronisch erhöhtes Cortisol hinterlässt strukturelle Spuren. Studien zeigen messbaren Volumenverlust im Hippocampus — der Region für Gedächtnis und emotionale Regulation.² Gleichzeitig erschöpft Dauerstress die Dopamin- und Serotoninreserven.³ Wer sich fragt, warum Dinge, die früher Freude gemacht haben, sich plötzlich leer anfühlen: Das ist keine existenzielle Krise. Das ist Neurochemie.
Die Frühwarnsignale
Das Tückische: Die ersten Signale klingen positiv. Erhöhte Produktivität, das Gefühl unersetzlich zu sein — das ist Phase eins, die sich wie Hochleistung anfühlt. Erst später kommen die Zeichen, die wir kennen, aber rationalisieren.
Schlafprobleme trotz Erschöpfung sind eines der verlässlichsten Frühzeichen — der Körper zu müde zum Leisten, aber zu aufgedreht zum Schlafen. Emotionale Distanzierung folgt: Gleichgültigkeit gegenüber Aufgaben, die früher Bedeutung hatten. Dazu wiederkehrende Infekte und körperliche Symptome ohne klare Ursache — das Immunsystem unter Dauerbelastung.⁴
Was das bedeutet
Erholung ist keine Belohnung für geleistete Arbeit. Sie ist eine biologische Voraussetzung für anhaltende Leistungsfähigkeit. Schlaf ist nicht verhandelbar. Magnesium, B-Vitamine und entzündungshemmende Nährstoffe unterstützen das Nervensystem aktiv — der Unterschied zwischen einem System, das sich erholt, und einem, das weiter abbaut.
Der wichtigste Schritt ist ein kognitiver: zu verstehen, dass Höchstleistung keine Frage von Willenskraft ist, sondern von Physiologie. Wer sein System kennt und respektiert, leistet länger — und besser.
Quellen
¹ Fries, E. et al. (2005). A new view on hypocortisolism. Psychoneuroendocrinology, 30(10). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16005168/
² Lupien, S.J. et al. (2009). Effects of stress throughout the lifespan on the brain. Nature Reviews Neuroscience, 10:434-445. https://www.nature.com/articles/nrn2639
³ Russo, S.J. & Nestler, E.J. (2013). The brain reward circuitry in mood disorders. Nature Reviews Neuroscience, 14:609-625. https://www.nature.com/articles/nrn3381
⁴ Segerstrom, S.C. & Miller, G.E. (2004). Psychological Stress and the Human Immune System. Psychological Bulletin, 130(4). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15250815/
⁵ Selye, H. (1936). A syndrome produced by diverse nocuous agents. Nature, 138:32. https://www.nature.com/articles/138032a0